BALLONS


Während sie ihren Dienst erfüllen, sind sie voller Spannkraft, leicht, fast schwerelos. Sie winken an Laternenpfählen, wenn sich in der Nähe Menschen zu einem festlichen Anlass treffen. Mit ihrer auffallend bunten Heiterkeit zeigen sie ortsfremden Gästen den Weg.

Patrik Fuchs fotografiert diese Wegweiser, nachdem sie ihre Pflicht getan, ihre Bestimmung erfüllt haben. Das Fest ist vorbei, die Luft draussen; Haltung und Form sind verloren. Als kraftlose Gummifetzen haben sie keinen Wert mehr. Doch befreit von einem Leben in vorbestimmter Fröhlichkeit, macht sie Fuchs als Fragment ihrer selbst zum individuellen Objekt der Betrachtung; akribisch folgt er den Spuren und Möglichkeiten der verbliebenen Teile. Unter seinem Blick erlangen sie ihren grafischen und raumgreifenden Ausdruck, werden zu Zeichnungen und Skulpturen, die an Werke der Moderne erinnern, und die Wahrnehmung zwischen Raum- und Bilderfahrung oszillieren lassen. Dennoch bleiben Fuchs’ Ballonfetzen konkrete und zufällige Fundstücke. Augenzwinkernd entdeckt er in ihnen versteckte Figuren, die mit beinah grotesker Leichtigkeit ihre Bedeutungslosigkeit abstreifen.

Die behutsame Sachlichkeit, mit der er die Reststücke erfasst und gegenwärtig werden lässt, bewahrt deren Intimität und Geheimnis. In diesem Gleichgewicht von An- und Abwesenheit, findet das Auratische seinen Raum und im Nebeneinander von Schönheit und Vergänglichkeit seine Tiefe. Die Zerstörung, die ungeschönt gezeigt wird, erschafft neue Formen, die lebendig wirken, selbstbewusst und luftig. Die Verbindungen von Ballon und Garn oder Band verfügen über das paradoxe Potential des zerstörten Artefakts.

Den Luftballons haftet eine unterschwellige aber gefühlsstarke Schnittmenge kollektiver Erfahrung an: Kindheitserinnerungen, Geburtstage, Einweihungen und Abschiede; vergangene Sylvesterabende oder dem Wind anvertraute Hochzeitswünsche. Denkwürdige Momente, wie wir sie alle kennen. In das schöne aber seiner Zeit beraubte Relikt ist die Erinnerung an das Lebendige eingewoben. Das ist die Ebene der dunklen barocken Allegorie oder des Memento mori, der künstlerischen Mahnung an die Lebenden. So sind Fuchs’ Luftballons zugleich verspielt und andächtig; leicht und melancholisch. Ein Zirkus der Gestrandeten. Fabian Scherrer, Berlin

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