SCHNEEZEICHEN


Das Stecken von grossen Ästen und Stöcken dürfte die älteste Methode sein, im Winter einen Weg zu markieren. Wenn der Schnee den Saum von Strassen und Feldwegen dem Auge entzieht, zeigen sie die Grenzen des rechten Wegs. Dem urzeitlichen Leitsignal haben die Jahrtausende nichts anhaben können; der Schneepfahl ist heute so selbstverständlich wie eh und je.

Das dem Auge Vertraute ist ein zentrales Thema in Patrik Fuchsʼ fotografischer Arbeit. Seine Fundstücke berufen sich darauf, Teil unseres Alltagsguts zu sein. Das ist eine einladende Untertreibung. Denn die Aufmerksamkeit, welche den Objekten zuteil wird, hat nichts von einer beiläufigen, widerspruchslosen Begegnung; die Aufnahmen aus der Serie Schneezeichen transportieren die Langsamkeit der Beobachtung. Fuchs dokumentiert und isoliert – ohne Überhöhung oder Verklärung. Doch die maximale Reduktion sowohl im Gegenstand als auch in der Darstellung ermöglicht es dem Gewohnten, fremd zu werden. In dieser Zweideutigkeit finden Fuchs Objekte zu ihrer Sprache und offenbaren sich selbst.

Fuchs befreit das Detail, das Sinnliche, die einzigartige Gestalt. Aus Form, Textur und Farbe entstehen konkrete Figuren und Zeichnungen, die unsere künstlerischen Urinstinkte aktivieren. Das undefinierte Weiss, in welchem die Wächter des Weges erscheinen, könnte ein Schneeweiss sein und bewahrt so das vertraute Farbmilieu des Motivs. Doch es ist auch ein Gedankenraum, in dem die visuelle Erinnerung nach Ähnlichkeiten und Verwandtschaften schürft. Diese Ebene der oszillierenden Assoziationen erweist sich dabei als so weit, wie der menschliche Drang nach Form und Gestaltung alt ist.

Wir verfügen heute über satellitengestützte Routenplaner, die seit geraumer Zeit sogar zu uns sprechen; und auch die „Leitsysteme“ sind intelligent geworden. Fuchsʼ Schneezeichen jedoch sind Urtypen der visuellen Kommunikation, deren archaische Bildsprache wir noch immer verstehen und benutzen.

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